Wie ich mich vom Tod ablenke

In der letzten Woche ist mir etwas bewusst geworden. Ich hänge wie ein Zombie an meinem Handy. Als mir das auffiel, traf es mich wie ein Schlag. Wie konnte es nur schon wieder so weit kommen, dass dieses kleine, aber nützliche Elektronikbündel mein Leben bestimmt?

Alles wieder auf Angang

Und warum schon wieder? Tja, vor einigen Jahren, als ich mich verschiedenen antiken und neuen Lebensphilosophien zugewandt habe, war ich in einer ähnlichen Situation wie heute. Mein Handy und mein Tablet waren damals ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens geworden, ich konnte nicht ohne sie. Dabei beschränkte sich meine Mediennutzung im Wesentlichen auf YouTube, Filme und Serien. Ich würde diesen Medienkonsum zusammen mit den sozialen Netzwerken unter „neue Medien“ zusammenfassen. Den Medien im Kurzformat war ich damals noch nicht verfallen. Allerdings war meine exzessive Nutzung nicht das erste Mal.

Die Geschichte wiederholt sich, zuerst als Tragödie, dann als Farce.
— Karls Marx

Ich hatte einige Jahre zuvor schon einmal einen kalten Entzug gemacht. Der Ablauf war jedes Mal gleich. Die Nutzung neuer Medien nimmt schleichend zu, bis sie irgendwann überhand nimmt. Mir wird bewusst, wie abhängig ich davon bin, und ich mache einen kalten Entzug. Das Handy weg, das alte Nokia her. Das halte ich dann meistens ein halbes bis maximal ein Jahr durch und entscheide mich aus verschiedenen Gründen wieder für ein Smartphone. Ich beginne mit einem moderaten Medienkonsum – und der Kreislauf beginnt erneut.

Was steckt dahinter?

Dieses Mal merke ich allerdings, dass ich nicht den bösen amerikanischen Konzernen die Schuld — ich bin kein Freund von dem Konzept Schuld — an meiner Situation geben kann. Mir ist zwar bewusst, dass sie unfassbar viel Geld dafür in die Hand genommen haben ihre Software mithilfe der Psychologie zu einer möglichst attraktiven Freizeitgestaltung zu machen, aber das wäre zu einfach.

Immerhin bin ich ein erwachsener und selbstbestimmter Mensch. Mir bleibt am Ende selbst die Entscheidung, ob ich diese Medien nutzen möchte. Es muss als mehr dahinter stecken, als reine Architektur.

Medienkonsum ist ausgezeichnet dazu geeignet sich von den eigenen Gedanken abzulenken. Vielleicht dient es mir dazu, dass ich nicht über all die Dinge in meinem Leben nachdenken muss, die mir “Kopfzerbrechen” bereiten. Blaise Pascal fasst es mit diesem Zitat eigentlich wunderbar zusammen.

Wenn unsere Lage wirklich glücklich wäre, müssten wir unsere Gedanken nicht durch Zerstreuungen davon ablenken.
— Blaise Pascal

Aber es ist nicht nur das. Ein Gefühl ist in den letzten Monaten immer stärker hervor getreten, Angst. Vor allem die Angst etwas wichtiges zu verpassen. Unzählige Blicke auf Handy, Aktualisierungen einer Mails und Chats. So bestimmend, dass sie meinen Alltag einschränken. Die unzähligen Stunden die ich mit dem aktualisieren meines Handys verbracht habe hätte ich wunderbar für andere Freizeitbeschäftigungen nutzen können. So formuliert es Etty Hillesum treffend mit folgendem Zitat:

Diese Angst, Dinge zu verpassen, führt dazu, dass man alles verpasst.
— Etty Hillesum


Eine Angst von der ich eigentlich dachte frei zu sein. Denn wenn es um Veranstaltungen geht an denen ich nicht teilnehmen kann, dann kann ich damit wirklich sehr gut umgehen.

Was ich stattdessen tun sollte

Ich versuche es dieses Mal mit einem Bahnbrechenden neuen Ansatz. Ich werde mich nicht von meinem Smartphone trennen, meine Verbindung zu meinen sozialen Kontakten abschneiden und das Problem aufschieben. Ich werde mich damit beschäftigten warum es so attraktiv für mich ist ständig am Handy zu hängen.




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